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Zaumgredt mit… den Naturfreunden | E-Bikes: Über die Vor- und Nachteile der neuen Art der Fortbewegung

Der Fahrradmarkt boomt und die Wartelisten für Bikes sind lang. Mit einem E-Bike Markanteil von ca. 40 % gehört Österreich zu den Spitzenreitern in Europa. Die Diskussionen, die sich um die Thematik der E-Bikes ranken, sind auch in der Corona-Zeit wieder entflammt. Wir haben uns diese Debatte einmal genauer angeschaut und die Meinung von Peter Gebetsberger, dem Fahrradbeauftragten der Naturfreunde eingeholt.

Obwohl die E-Bike Verkäufe die letzten Jahre in die Höhe geschossen sind, ist noch keine Sättigung am Markt in Sicht. Was glaubst du macht den Reiz aus?

Sowohl E-Bikes wie auch „normale“ Fahrräder bringen zunächst einmal Mobilitätsvorteile mit sich, die für viele attraktiv sind. Der Unterschied ist, dass die körperliche Belastung beim E-Bike um ein Vielfaches reduziert wird. Auch wenn viele in der körperlichen Anstrengung den Reiz sehen, gibt es andere Personengruppen wie Ältere oder jene, die gesundheitlich eingeschränkt sind für die diese Belastung verständlicherweise ein negativer Aspekt ist. Dank des E-Motors kommen diese Personen wieder in den Genuss, die Vorzüge des Radfahrens zu genießen. Ich denke, dass jeder Schritt weg vom Auto und hin zur Natur und Bewegung grundsätzlich positiv zu bewerten ist.

Hinzukommt, dass der Uphill-Flow – also das erlebnisreiche Bergaufradeln, ohne sich allzu sehr zu verausgaben –einfach unglaublich viel Spaß macht.

Welche Verantwortung tragen E-Biker:innen gegenüber Wander:innen, Almenwirt:innen, etc.? 

Zunächst würde ich sagen, dass die Verantwortung von E-Biker:innen und Biker:innen dieselbe ist. Wenn wir es jetzt auf den Bergsport beziehen, sind Fahrräder grundsätzlich die schwereren und größeren Sportgeräte. Unter dem Apell der gegenseitigen Rücksichtnahme und der üblichen Fair-Play-Regeln bedeutet das für die Bike-Community also, dass wir unsere Geschwindigkeit bergauf wie bergab anpassen müssen. Hinzukommt, dass die Bremsbereitschaft ständig gegeben sein muss. Das größere Gewicht der E-Bikes erhöht zusätzlich die benötigte Bremskraft sowie den Bremsweg. Das sind Aspekte, die wir im Hinterkopf behalten müssen, wenn wir uns draußen begegnen.

Während die Bio-Biker:innen früher von Wandernden verteufelt wurden, scheinen das nun E-Biker:innen abzubekommen. Woran könnte das liegen?

Diese Frage pauschal zu beantworten, ist schwierig. Ein wesentlicher Gesichtspunkt ist bestimmt die Skepsis gegenüber allem, was neu ist – und das sind E-Bikes nun mal. Der Nutzungsdruck auf die Natur hat sich die vergangenen Jahre stetig erhöht. Allerdings verändert sich neben dem Nutzungsdruck auch unser Nutzungsverhalten, was sich zurzeit in der MTB-Debatte in Österreich widerspiegelt. Es ist natürlich ein Leichtes, mit dem Finger auf die Gruppen zu zeigen, die bis vor wenigen Jahren lediglich einen geringen Prozentsatz ausgemacht haben und nun immer präsenter werden. Dass ein geordnetes Miteinander möglich ist, zeigt aber ein Blick in andere Länder.

Sind E-Bikes und Bio-Bikes Konkurrenten?

Nein, das denke ich nicht. Vielmehr kommen durch E-Bikes wieder mehr Leuten in den Genuss, aufs Rad zu steigen.

Was gibt es zu den Auswirkungen von E-Bikes auf die Natur unmittelbar aber auch langfristig zu sagen?

Da gibt es natürlich auch ein paar diskutable Aspekte, die wir nennen sollten. Starten wir mit den Akkus: Einer der wichtigsten Rohstoffe für Akkus ist Lithium, welcher in Bergwerken oder Seen abgebaut wird – das hinterlässt natürlich Spuren. Und dann ist da noch die Entsorgung. Die Lebensdauer eines Lithium-Ionen-Akkus ist durch eine maximale Anzahl von Ladezyklen begrenzt. Im Vergleich zu einem Auto wird das E-Bike sicherlich nachhaltiger abschneiden, wenn wir es auf die Produktion und die Entsorgung beziehen. Ein Bio-Bike wird aber wohl dennoch besser abschneiden.

Ein weiterer Aspekt ist, dass die Akkus mit Strom versorgt werden müssen. Im Optimalfall nutzen wir dafür regenerative Energiequellen. Im schlimmsten Fall aber muss der Diesel per Hubschrauber auf eine entlegene Almhütte geflogen werden, um den Dieselaggregat zu versorgen, damit dort die E-Bikes der Biker:innen geladen werden können. Das sind Szenarien, die wir verhindern und im gleichen Atemzug an eine ressourcenschonende Nutzung appellieren müssen.

Hinzukommt der Anstieg des Nutzungsdrucks auf sensible Bereiche der Natur, durch die Reichweitenveränderung von E-Bikes. Mehr Menschen sind nun in der Lage, in Bereiche vorzudringen, in die sie zuvor nicht aus eigener Kraft gekommen sind. Das hat Auswirkungen auf die Pflanzen- und Tierwelt vor Ort.

Kommen wir zu den Vorzügen des E-Bikens, welche sind da zu nennen?

Es gibt einige gute Gründe, weshalb E-Bikes eine Daseinsberechtigung haben. 

Pendler:innen können bspw. auf Autos verzichten, indem sie bequem und ohne durchgeschwitztes Shirt in die Arbeit kommen. Jedes Auto, was nicht im morgendlichen Stau steht, sollte als Erfolg verbucht werden.

Gleiches gilt für Kurzstrecken, die zuvor mit dem Auto zurückgelegt wurden, um bspw. zum Startpunkt einer Tour zu gelangen. Hobbysportler:innen, Bergführer:innen, Kletter:innen und viele andere nutzen die Reichweitenvorteile von E-Bikes, um nicht schon außer Atem zu sein, bevor das eigentliche Abenteuer beginnt.

Die größten Vorteile, finde ich, sind allerdings der Ausgleich inhomogener Gruppen und die gezielte Steuerung der Belastung für Reha- und Gesundheitsmaßnahmen.

E-Bikes schaffen Chancengleichheit. Sie bringen Personen zueinander, die zuvor ob ihres Alters, ihrer Kondition oder gesundheitlicher Einschränkungen nicht miteinander haben fahren können. Unterschiedliche Generation und Fitnessniveaus können durch E-Bikes Touren und Erlebnisse teilen. Ganze Familien (Generationen) können so miteinander in die Natur, ohne dass wer zurückstecken muss.

Ein weiterer Vorteil ist bei Gesundheitsproblemen bzw. Rehamaßnahmen erkennbar. Das E-Bike erleichtert die gezielte Kontrolle der Belastung, wodurch Belastungsspitzen – also hohe Pulsbereiche, die für den untrainierten Körper eher gesundheitsschädlich sind – vermieden werden können. Wenn ein Patient oder eine Patientin bspw. eine Stunde lang Fahrradfahren soll, aber lediglich 15 Minuten auf einem normalen Fahrrad aus gesundheitlichen Gründen schafft, kann dies mit dem E-Bike präziser gesteuert werden. 

Gleiches gilt natürlich auch für trainierte Biker:innen – auch wenn sich das viele nicht vorstellen können. Je genauer ich meine Belastung dosieren kann, desto besser sind die Trainingserfolge, ob für Gesundheitszwecke oder für den Leistungssport.

Was muss ich an meinem Fahrverhalten ändern, bzw. worauf muss ich achten, wenn ich aufs E-Bike steige? 

Das höhere Gewicht eines E-Bikes sorgt dafür, dass mehr Bremskraft nötig ist, um das Rad zum Stehen zu bringen. Dann haben wir noch den Reichweitenvorteil, der mit E-Bikes möglich ist. Beides in Kombination birgt die Gefahr, dass der Weg zurück oder wenn der Akku leer ist, unterschätzt wird. Personen, denen die Kraft und Erfahrung fehlt, Belastungen über längere Zeiten auszuhalten, könnten dann in unangenehme Situationen kommen.

Ich hatte bereits Begegnungen mit E-Biker:innen, die sich auf ihrer Tour so sehr überschätzt haben, dass sie auf dem Heimweg nicht mehr die Kraft hatten, um den Bremshebel zu ziehen. Wir raten daher immer zu einem Fahrtechnikkurs, wo der richtige Umgang mit dem E-Bike unterrichtet wird. 

Welche Rolle spielt die richtige Beratung in diesem Zusammenhang

Die richtige Beratung ist entscheidend, um den Kund:innen später ein sicheres und gutes Fahrgefühl zu garantieren. Ich finde es auch wichtig, beim Kauf auf ein angepasstes Fahrverhalten hinzuweisen. Dass sich ein E-Bike im Gelände oder auch im Straßenverkehr anders verhält, ist kein Geheimnis. Eine gute Beratung kann dazu beitragen, Unzufriedenheit aber auch Unfälle zu minimieren. 

Gerade der Uphill-Flow macht beim E-Biken unglaublich viel Spaß. Wird das dazu führen, dass mehr Leute vom Bio-Bike aufs E-Bike wechseln oder andersherum?

Der Uphill-Flow wird wahrscheinlich nicht der alleinige Grund sein. Es gibt sicher einige, die neben ihrem E-Bike, das sie zum Pendeln nutzen eben auch ein normales Fahrrad/MTB haben. Oder aber auch zwei Mountainbikes – eines mit und eines ohne Unterstützung – je nach Tour und Einsatz.

Wie sollte ein nachhaltiger Umgang mit dem E-Bike aussehen?

Ich glaube nicht, dass es für die Thematik E-Bike den einen idealen, nachhaltigen Weg gibt. Dafür sind die Einsatzzwecke und Ansprüche, die wir an E-Bikes stellen zu verschieden. Ein großer Schritt wäre bereits getan, wenn wir unser Verhalten grundsätzlich besser reflektieren würden. Viele Touren, die gefahren werden, sind bereits mit geringem körperlichen Aufwand möglich. Dafür braucht es nicht direkt ein E-Bike, sondern manchmal ein bisschen Durchhaltevermögen und die Motivation, etwas für sich und seinen Körper zu tun. Das kann eben auch bedeuten, dass man ein bisschen trainieren muss, um sein Ziel zu erreichen. Die Anschaffung eines E-Bikes aus den oben genannten Gründen ist hingegen ausnahmslos zu empfehlen

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