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Interview-Serie: Warum viele Profi-Sportler ein Comeback wagen

13.07.2011

Michael Jordan, Lance Armstrong, Michael Schumacher – es gibt viele prominente Sportler, die nach dem Ende ihrer Karriere nochmal in den Profisport zurückkehren. Aber was bewegt sie dazu? Der Intersport-Blog hat in einer dreiteiligen Interview-Serie dazu mit der Sportpsychologin Sabine Würth von der Universität Wien gesprochen.

Intersport-Blog: Warum wagen viele Sportler ein Comeback?

Würth: Es gibt kaum Forschungen in diesem konkreten Bereich. Aber es gibt relativ viele Informationen zur Frage: Wie läuft so ein Karriereende ab und wie wird das Karriereende erfolgreich bewältigt? Ein Comeback zu starten ist letztlich eine Form der Karriereende-Bewältigung.
Theorien, die sich mit Paarbeziehungen beschäftigen, können als Erklärungsmodell auch die „Beziehung Sportler-Karriere“ beschreiben: Stellen Sie sich vor, Sie haben einen Partner und Sie investieren einiges in die Beziehung und machen immer wieder eine Art Abwägung „Kosten“, zum Beispiel die eigene Freiheit aufgeben zu „Nutzen“, zum Beispiel Zuwendung, Chance zur Familiengründung.
Gleiches geschieht in der Karriere: Ich bin in diesem Umfeld drinnen und habe Kosten, aber auch Nutzen: Es ist sehr anstrengend, ich muss sehr viel Zeit aufwenden, ich habe wenig Zeit für die Familie oder andere Interessen. Aber ich verdiene viel Geld, ich bin immer in der Öffentlichkeit, bekomme Anerkennung, es taugt mir. Solange die Rechnung positiv ist, bleibt die Person dabei.
Jetzt könnte man davon ausgehen: Wenn die Rechnung negativ wird – das heißt, man hat mehr Kosten als Nutzen, zum Beispiel weil der Erfolg ausbleibt und der Trainingsaufwand als immer anstrengender empfunden wird  – dann hört man damit auf. Das ist aber meist nicht so. Beziehungen werden sehr lange aufrechterhalten – trotz Negativbilanz.

Intersport-Blog: Warum gibt man solche Beziehungen mit einer „ negativen Bilanz“ nicht einfach auf?

Würth: Das hängt mit zwei Faktoren zusammen. Zum einen: Man hat schon sehr viel investiert und denkt sich: „Naja, jetzt hab ich meinen ganzen Lebensstil darauf ausgerichtet, den Freundeskreis um diese Beziehung herum aufgebaut, mich ganz damit identifiziert etc.“. Das gibt man dann nicht so schnell auf. Man hofft immer, dass sich die Bilanz wieder umdreht.
Zum anderen: Der Fortbestand einer Beziehung hängt wesentlich von attraktiven Alternativen ab. Ich behalte dann eine Beziehung mit einer negativen Bilanz bei, wenn ich keine adäquaten Alternativen habe.
Aber auch das gegenteilige Szenario ist denkbar: Selbst wenn ich eine sehr gut funktionierende Beziehung habe und es kommt auf einmal eine hochattraktive Alternative, zum Beispiel in Form eines anderen Menschen daher, dann neige ich dazu, auch eine positiv bilanzierte Beziehung aufzugeben. Solange ich aber keine andere Perspektive habe im Leben, bleibe ich in alten Beziehungsmustern verhaften – selbst wenn diese Beziehung längst schon nicht mehr zufriedenstellend erlebt wird.

Intersport-Blog: Wie lässt sich diese Theorie auf Sportlercomebacks übertragen?

Würth: Die Frage ist: Wie stark baut der Sportler in seiner Karriere seine Identität über den Sport auf? Stellen wir uns folgendes Szenario vor: Der Leistungssportler beginnt in sehr jungen Jahren mit dem Sport. Er baut dort seinen Freundeskreis auf, es wird eine hohe Trainingsintensität erwartet, er ist viel unterwegs. Der Sportler identifiziert sich zunehmend mit seiner Tätigkeit: Er definiert sich selbst als Sportler. Das wird von außen verstärkt. Die Medien sehen den Hermann Maier einfach als Skifahrer. Und nur nebenbei als Familienmensch oder als Partner, aber er ist primär Skifahrer.


„Je stärker jemand seine Identität exklusiv auf den Bereich Sport aufbaut, umso schwerer tut er sich dann, sie wieder aufzugeben.“

Sabine Würth, Sportpsychologin
Foto: privat

Je stärker jemand diese Identität exklusiv auf den Bereich Sport aufbaut, umso schwerer tut er sich dann, sie wieder aufzugeben. Wenn er seinen Sport aufgibt, dann gibt er eine wesentliche Idee seiner Identität auf. Oft bemerkt das ein Athlet oder eine Athletin erst dann, wenn das Karriereende bereits vollzogen wurde und die Person plötzlich mit der neuen Lebenssituation konfrontiert wird. Und daraus erwächst dann der starke Wunsch, in das alte identitätsstützende System wieder zurückzukehren – also ein Comeback zu versuchen.