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„Querschnittslähmung ist ein tagtäglicher Hindernislauf“

04.11.2013

Das Schicksal fragt nicht: Weltweit gibt es rund drei Millionen Menschen mit einer Rückenmarksverletzung. „Wings for Life“ unterstützt Wissenschafter bei der Suche nach Möglichkeiten, um Querschnittslähmung zu heilen. Der Intersport-Blog sprach mit Anita Gerhardter, Geschäftsführerin der Stiftung für Rückenmarksforschung.

Intersport: Die Stiftungs gibt es nun seit bald zehn Jahren. Welche Zwischenbilanz ziehen Sie?

Anita Gerhardter: Wir sind in der wissenschaftlichen Welt sehr etabliert, haben dort unseren Platz gefunden. Die Fülle der Anträge zeigt, wie wichtig unsere Arbeit ist. Die Wissenschaftler, die an der Heilung von Rückenmarksverletzungen arbeiten, haben enorme Probleme, ihre Arbeiten zu finanzieren. In den vergangenen Jahren haben wir bereits 82 Projekte mitfinanziert und die Ergebnisse sind absolut erfolgsversprechend. Wir werden es erleben, dass es eine Heilung für Rückenmarksverletzungen gibt.

Sie sagen, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis man sie findet. Die weltweite Zahl der
Betroffenen wird auf drei Millionen Menschen geschätzt, für die jeder Tag zählt. Was kann die Stiftung für diese Menschen tun?

Wichtig ist es, keine unrealistischen Hoffnungen zu wecken oder Versprechungen zu machen. Wenn es den Durchbruch geben wird, heißt das noch nicht, dass alle drei Millionen querschnittsverletzter Patienten sich aus ihren Rollstühlen erheben. Man wird vielen frischverletzten Patienten den Weg in den Rollstuhl ersparen können. Es wird aber Leute geben, die sind so schwer verletzt sind oder haben so schwere Begleitverletzungen, dass der Rollstuhl trotzdem notwendig wird. Man wird auch chronisch Verletzten, Funktionen zurückgeben und manche wird man aus dem Rollstuhl rausholen können.

Ist das der Grund dafür, warum die Stiftung eine Vielzahl von Projekten mit völlig
unterschiedlichen Ansätzen unterstützt?

Wir haben multifaktorielle Ansätze, weil wir glauben, dass auch die Lösung multifaktoriell sein wird. Es wird nicht alleine die Stammzelle sein, es wird auch nicht die Neuroregeneration alleine sein. Die Wissenschaftler glauben, dass es eine Kombination dieser Dinge sein wird, die zum Erfolg führt.




Dieses Thema ist für einen Laien sehr kompliziert und wenig greifbar. Wie erklären Sie einem Kind, was die Stiftung macht?

Das Nervensystem kann man mit der Elektrizität vergleichen. Wenn in Salzburg das zentrale Elektrizitätswerk, welches die ganze Stadt mit Strom versorgt, einen Schaden hat, Millionen von Kabeln nicht mehr versorgt werden oder ihre Isolierung beschädigt ist, dann muss man dieses System wiederherstellen, damit der Strom wieder überall hin fließen kann.

Wings for Life sammelt Spenden und gibt diese 1:1 an Forschungsprojekte weiter. Gibt es eine Fundraising-Organisation, die Sie mit ihren Projekten und Ideen zum Spendensammeln besonders beeindruckt?

Es gibt viele Organisationen, die wirklich gute Arbeit leisten. Für mich ist es wichtig, dass jemand das unterstützt, wofür er ein Herz hat. Ob das Wings for Life oder etwas anderes ist, ist dann zweitrangig. Denn so wie wir alle leben dürfen, wäre es ein Wahnsinn, nichts zu tun. Wenn wir viele Leute begeistern können, bei uns mitzumachen, dann ist das natürlich toll.

Stimmt es Sie nachdenklich, dass es private Initiativen braucht, um die Forschung in solchen „Nischen“ der Wissenschaft voranzutreiben?

Es ist nichts Schlechtes, wenn man sich privat engagieren muss. Man kann sich nicht immer auf den Staat und große Organisationen verlassen, man hat schon auch als Privater die Kraft, Dinge zu verändern.

Was ist denn die einfachste und doch sehr effektive Idee, die Ihnen im Fundraising-Bereich je untergekommen ist?

Das Crowd-Fundraising, also Initiativen, bei der viele Leute relativ wenig Geld geben, beeindruckt mich besonders. Airlines sammeln zum Beispiel Hartgeld und jeder ist froh, wenn er die letzten Münzen aus dem Urlaub los wird. Ein anderes Beispiel aus Kalifornien: Dort geht ein Teil aller Strafen für Geschwindigkeitsübertritte direkt an die Christopher Reeve Foundation.

2012 hatte Wings for Life die Faces for Charity-Aktion auf den Formel1-Autos. Im nächsten Jahr versuchen Sie es mit dem neuen Konzept Wings for Life World Run – was steckt dahinter?

Wings for Life World Run: „Running for those who can’t“. Da geht es genau um das, was Menschen mit einer Rückenmarksverletzung genommen wurde: ihre Bewegungsfreiheit. Laufen ist ein globaler Sport und diese einzigartige, völlig neuartige Laufveranstaltung, findet am 4. Mai 2014 zum ersten Mal stattfindet. Das Laufformat ist neu, weil es keine vordefinierte Streckenlänge gibt. Die Läufer starten in rund 40 Ländern rund um die Welt gleichzeitig um 10 Uhr UTC. 30 Minuten später startet das „Catcher Car“ mit einer Geschwindigkeit von 15 Kilometer pro Stunde – das ist die rollende Ziellinie. Sobald die Teilnehmer von diesem Auto überholt wurden, sind sie im Ziel. Das Schöne daran ist: Es wird jeder ein Finisher sein, der sich auf der Strecke befindet - egal wie weit er gekommen ist. Man kann sich nicht nur mit den Teilnehmern im eigenen Land vergleichen, sondern es ist ein weltweiter Vergleich möglich ist: Wo stehe ich eigentlich? Internet-Livestreaming, Einstiege von TV-Sendern - das wird eine Riesensgeschichte, die sehr viel Geld in unsere Stiftungskasse bringen wird. Ebenfalls wichtig: Es wird sehr viel Aufmerksamkeit auf das Thema Querschnittslähmung lenken.




Man kann Wings for Life auch durch Firmenevents oder Schulprojekte unterstützen - wie funktioniert das?

Wir hatten schon einige Maturaprojekte. Drei Tiroler Mädchen hatte etwa das Ziel, mit ihrer Aktion 10.000 Euro auf die Beine zu stellen. Sie hatten sich für Wings for Life entschieden, weil sich ihre Freundin bei einem Snowboardunfall verletzt hat und seit mehreren Jahren mit einem sehr hohen Querschnitt im Rollstuhl sitzt. Letztendlich haben diese drei Mädchen 40.000 Euro gesammelt - das war unfassbar. Was Firmenevents betrifft: Da gibt es Skitage und Firmenfeiern, die gewidmet werden. Es ist sehr schön zu sehen, dass wir mittlerweile auf so viel Unterstützung zählen dürfen.

Welche Rolle spielt die Bewusstseinsbildung in der täglichen Arbeit der Stiftung?

Bewusstseinsbildung ist wichtig, weil Querschnittslähmung ein unwahrscheinlich hartes Schicksal ist. Das sollte man jedem bewusst machen. Querschnittslähmung ist ein tagtäglicher Hindernislauf und mit mehr Bewusstsein in der Bevölkerung könnte man diesen Menschen ihr Leben um einiges erleichtern.

Inzwischen gibt es einen großen Pool an Sportlern, die Wings for Life unterstützen – allen voran Ex-Formel1-Star David Coulthard. Wenn Sie sich jemanden aussuchen könnten, wer sollte unbedingt Botschafter für das Projekt sein?

Wir haben sehr viele, sehr gute Botschafter und sind sehr sportlastig. Das ist in unserer Entstehungsgeschichte begründet. Ich sehe keine bestimmte Person, die ich mir wünsche. Wünschenswert wäre jemand aus der A-Liste Film, Fernsehen, Musik. Wenn ich eine Bestellung ans Universum abgeben dürfte, dann Goerge Clooney oder so. (lacht) Aber die Leute müssen mit dem Herzen dahinter sein, das ist für uns das Allerwichtigste. Es geht um Glaubwürdigkeit, das heißt sie müssen sich dafür engagieren wollen.

Dietrich Mateschitz, der Gründer und Eigentümer von Red Bull unterstützt ja auch die Paracelsus Medizinische Universität in Salzburg – gibt es dort in der Forschung bereits Anknüpfungspunkte zur Stiftung?

Es gibt noch keine Projekte, die wir dort fördern, aber es gibt personell Überschneidungen. Professor Resch ist Rektor an der PMU und bei uns im Stiftungsvorstand, Professor Aigner ist bei uns Wissenschaftlicher Direktor, arbeitet und forscht auch an der PMU. Wir ergänzen uns auch gegenseitig.

 

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