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Mit dem Rennrad auf über 4000 Metern Seehöhe unterwegs

10.05.2013

Manche Menschen können es kaum glauben. Aber ja, es stimmt wirklich: Es gibt Rennradfahrer, die lieber den Berg hinauf als hinunter radeln. Je länger die Auffahrt, desto wohler fühlen sie sich. Der Intersport-Blog hat sich im Herbst 2012 zum höchsten per Rennrad befahrbaren Berg Nordamerikas begeben und sein Glück auf dem Weg zum 4307 Meter hohen Gipfel gesucht und gefunden.

„Vergangenen Herbst habe ich meinen ersten 4000er bewältigt.“ Nein, die Aussprache dieses Satzes ist keineswegs ambitionierten Bergsteigern vorbehalten, sondern auch für Rennradfahrer anwendbar. Zum Beispiel dann, wenn sie in den US-Bundesstaat Colorado reisen. Dort gibt es einen Berg namens Mount Evans, dessen Gipfel der höchstgelegene Nordamerikas ist, der über eine Asphaltstraße zu erreichen ist. Diese ist 40 Kilometer lang und schlängelt sich von der Stadt Idaho Springs rund 2000 Höhenmeter zum Gipfel hinauf.

Zugegeben, diese Daten klingen für uns Europäer zu allererst einmal etwas bedrohlich. Die Alpen sind halt doch etwas anderes als die Rocky Mountains. Als wir, zwei leidenschaftliche Rennradfahrer, beschließen, den Mount Evans in Angriff zu nehmen, mischt sich deshalb zur Vorfreude ein Gefühl der Unsicherheit. Gründe dafür gibt es mehrere.

Erstens: Wir haben erst am letzten Wochenende der Saison Zeit, bevor der „Mount Evans Scenic Byway“ in Winterpause geht und gesperrt wird. Sollte das Wetter uns also nicht gnädig sein, müssen wir unsere Tour nicht nur ein paar Tage, sondern auf das nächste Jahr verschieben.

Zweitens: Höhenluft. Das einzige Mal, das wir bisher Höhenluft über 3000 Meter geschnuppert haben, ist ein Ausflug in die Tiroler Bergwelt auf 3200 Meter mit der Seilbahn gewesen. Wie wird der Körper auf eine Seehöhe von 4300 Metern reagieren, die wir noch dazu mit eigener Muskelkraft erklimmen müssen?

Drittens: Wind und Wetter während der Fahrt. Im Internet finden wir Berichte von Freizeitsportlern, die den Mount Evans bereits bezwungen haben. Jeder Text liest sich irgendwie anders: Von „Gar nicht so arg, wie man glauben könnte“ bis „Nur für absolute Spitzensportler zu empfehlen“ fällt die Beschreibung des Schwierigkeitsgrades aus. Auch das Wetter ist bei jedem Eintrag unterschiedlich: Manche haben sich in mehrere Schichten eingepackt, andere sind in kurzem Trikot und kurzer Hose hinaufgefahren. Auf jeden Fall ist auf den letzten Kilometern mit starken Windböen zu rechnen. Bei der Schilderung des Wetters lässt sich ein Muster erkennen: Die besten Chancen auf gute Bedingungen gibt’s am Vormittag. Ab 14 Uhr steigt die Gefahr für Gewitter. Nicht auszudenken, wenn wir in so eines hineingeraten.

Viertens: Wir fahren nicht mit dem eigenen Rennrad, sondern leihen uns für die wohl schwierigste Tour, die wir je in Angriff genommen haben, ein fremdes aus. Werden wir damit zurechtkommen?

Der Tag der Wahrheit

2. September 2012, 6.30 Uhr: Zwischen den Wolkenkratzern von Denver, der Hauptstadt von Colorado, machen wir uns zu Fuß auf den Weg zu unserem Auto, in dessen Kofferraum sich zwei startklare Leih-Rennräder befinden. Wir begegnen Männern und Frauen in akkurat sitzendem Business-Outfit, obwohl Sonntag ist. Viele von ihnen drehen sich nach den zwei Exoten in Radbekleidung um.

Erst seit zwei Tagen sind wir in den USA. Ziemlich kurze Zeit, um einen Jetlag zu überwinden und sich an die Höhenluft zu gewöhnen, die bereits in Denver auf 1600 Metern Seehöhe vergleichsweise dünn ist. Das spürt man manchmal sogar ein bisschen. Immer wieder hat man das Gefühl, nicht so viel Luft zu bekommen, wie man es aus den Tälern Europas gewöhnt ist. Vielleicht ist dieser Eindruck aber auch nur psychosomatisch. Nichtsdestotrotz dominiert er unsere Gefühlswelt während der Autofahrt ins 50 Kilometer entfernte Idaho Springs.

Mental versuchen wir uns auf ein mögliches Scheitern einzustellen. Wir besprechen unsere Vorgangsweise, sollte einer von uns aufgeben müssen. Uns ist klar, dass wir abbrechen werden, sobald der Körper Nein sagt. Auch wenn der Kopf auf seinem Ja besteht.

Warm anziehen ist angesagt

Als wir am Fuße des Mount Evans unser Auto parken und aussteigen, wird uns sofort der erster Planungsfehler bewusst: Wir sind nicht warm genug angezogen. Alle Kleidungsschichten, die für die Abfahrt gedacht gewesen wären, ziehen wir schon jetzt über, da es relativ kühl ist. Wir setzen all unsere Hoffnungen in tagsüber viel Sonnenschein und steigende Temperaturen.

Als wir losfahren machen sich gleich unsere grundverschiedenen Strategien für die Bergfahrt bemerkbar. Einer von uns möchte sein Leistungsmaximum ausschöpfen und nimmt auf die Höhenlage vorerst keine Rücksicht. Der andere hat sich einen extra niedrigen Höchstpuls gesetzt, den er aufgrund der dünnen Luft und der langen Auffahrt nicht überschreiten möchte. So kommt es, dass wir schon nach kurzer Zeit einige hundert Meter Abstand zwischen uns haben.

Die erste Zwischenbilanz nach den ersten zehn Kilometern fällt bei beiden positiv aus: Der Asphalt ist gut in Schuss, die Steigung liegt durchschnittlich bei moderaten sechs Prozent und die Höhenluft drückt bisher nicht auf die körperliche Leistungsfähigkeit. Das höchste Ziel – nämlich ohne eine einzige Pause den Gipfel zu erreichen - scheint nach wie vor möglich.

Dieser Eindruck lässt uns bis zum Schluss nicht mehr los. Wir sind beide zuversichtlich. Für die letzten zehn Kilometer haben wir Gott sei Dank genügend Reserven gespart. Denn die haben es in sich: Sobald die Straße an der Baumgrenze aus den windgeschützten Serpentinen im Wald herausführt, ist man so starken Windböen ausgesetzt, dass es manchmal sogar nötig ist, sich gegen den Wind zu lehnen, um nicht umgestoßen zu werden. Außerdem nimmt die Steigung gegen Ende nochmal etwas zu - nicht dramatisch, aber wegen des Windes und der kurz vorm Gipfel spürbar dünner werdenden Luft kommen zu den neun Prozent einige gefühlte dazu.

Zu Mittag heißt es dann aber für uns beide: Ende gut, alles gut. Im Abstand von 15 Minuten erreichen wir das Ziel. Beide Strategien haben funktioniert und wir sind beide gesund auf dem Gipfel angekommen. Die Abfahrt nehmen wir unter Sonnenschein und wolkenlosem Himmel in Angriff – so als ob uns der Wettergott sagen möchte: Ich verzeihe euch, dass ihr bei der mitgebrachten Kleidung gespart habt. Vielen Dank, wir wissen das zu schätzen.