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1 Tag, 220 Kilometer: Mit dem Rennrad die Donau entlang

09.07.2015

Ob Kilometerfressen und Tempomachen oder Dahingleiten und Entspannen - der Donauradweg gibt allen Radfahrern eine Heimat. Deshalb tat der Intersport-Blog, was jeder Radfahrer unbedingt einmal tun muss und nahm eine Etappe des Donauradwegs in Angriff: Linz-Wien, 220 Kilometer - an einem Tag.

Weil wir nur einen Tag Zeit haben, wählen wir, zwei leidenschaftliche Rennradfahrer, die Variante „Kilometerfressen und Tempomachen“. Mit dieser Strategie sollten wir nach dem Start am Vormittag in Linz gegen Abend in der Hauptstadt Wien ankommen.

Start: Urfahraner Jahrmarktgelände, Linz-Urfahr

Es ist 9.30 Uhr. Der Wetterbericht hat uns Sonnenschein und Rückenwind vorausgesagt. Wir füllen unsere Trinkflaschen mit Wasser und isotonischen Getränken und die Trikottaschen mit Energieriegeln. Startpunkt der Tour ist das Urfahraner Jahrmarktgelände in Linz. Besonders auf den ersten Kilometern haben wir die Pulsuhr so stark im Blick wie sonst nur Autofahrer den Tacho, wenn sie sich einem Radargerät nähern. Wir wollen gleich zu Beginn ein Tempo finden, das der Tagesdistanz von 220 Kilometern gerecht wird. Überraschend schnell schaffen wir es, den Schalter im Kopf von Vollgas auf Ausdauer umzulegen. Knapp hintereinander pedalierend, spulen wir die ersten Kilometer ab. Dass der Wetterbericht mal wieder nicht gestimmt hat, spüren wir an der kühlen Brise, die uns ins Gesicht statt auf den Rücken bläst. Umso effektiver nutzen wir den Windschatten des anderen aus und einigen uns schließlich darauf, alle 25 Kilometer die Führungsarbeit zu tauschen.

Für einen Werktag herrscht auf dem Donauradweg einiges an Verkehr. Mindestens ein Mal pro Minute müssen wir "Achtung!" rufen, um genug Platz zum Überholen anderer Radfahrer zu bekommen. Allerdings ist es ein friedliches Miteinander. Alle sind rücksichtsvoll und machen sofort Platz.

Zwischen Kilometer 50 und 70 brauchen wir die erste Stärkung in Form eines Energieriegels, den wir - ganz wie die Profis - während der Fahrt im Windschatten des anderen einnehmen. Es ist verblüffend, wie gut so ein quaderförmiges Stück Sportlernahrung in voller Fahrt schmecken kann. Da laufen plötzlich auch die Kurbeln des Fahrrads wieder wie geschmiert.

Kilometer 85: Wir haben Hunger!

Schneller als erwartet kommt die Sehnsucht nach dem Mittagessen. Vor Antritt der Fahrt haben wir uns darauf geeinigt, bei Kilometer 110 nach einer Stärkung Ausschau zu halten. Doch schon nach 85 Kilometern mischt sich zum Abrollgeräusch der Reifen ein bedrohliches Knurren. Glücklicherweise stammt es nicht von den aufziehenden Wolken, die sich zu einem Gewitter formen, sondern von unseren Mägen. Der Hunger wird stärker und wir erhöhen das Tempo. Diskussionen, ob das gut oder schlecht ist, sind schnell abgewürgt – die Vorfreude aufs Mittagessen ist einfach zu groß.

Bei Kilometer 110 angelangt, radeln wir gerade etwas abseits der Orte und Städte. Schön anzusehen, aber die alles entscheidende Frage nach dem nächsten Wirtshaus müssen wir uns selbst mit einem „Weit und breit nicht in Sicht!“ beantworten. Wie in Trance geht die Fahrt weiter. Schließlich taucht das Stift Melk am Horizont auf. "Dort gibt’s sicher Zivilisation, inklusive toller Essensangebote", versucht uns unsere innere Stimme zu motivieren. Mit knapp 40 Stundenkilometern lechzen wir dem Gaumengenuss entgegen. 

Kilometer 125: Positive Zwischenbilanz beim Mittagessen

Zwanzig Minuten später werden unsere Gelüste nach Nahrungsaufnahme befriedigt. Zwar ist aus den erhofften Spaghetti leider nichts geworden. Doch auch eine große Portion „ Blunzngröstl“ befriedigt den Appetit würdevoll und füllt alle Energiespeicher wieder auf. Die Zwischenbilanz über die ersten 125 Kilometer fällt positiv aus. Westwind und weicherer Asphalt ohne Querrinnen würden die Tour perfekt machen. Vielleicht erfüllt diese Wünsche ja der zweite Teil der Tour.

Mit neuer Kraft und frisch gefüllten Trinkflaschen starten wir in die zweite Etappe. Vor allem zu Beginn zwingen wir uns wieder, das Tempo zivilisiert zu halten. Schließlich wissen wir als Rennradler: Mit vollem Magen attackiert man nicht. Leider zwingen uns Baustellen und kurze Schotterabschnitte einige Male dazu, die Geschwindigkeit auf Schritttempo zu senken oder gar das Rad zu schieben. Und auch wenn es heißt „Wer sein Rad liebt, der schiebt“ : So richtig gern haben wir es nur, wenn wir in voller Fahrt darauf sitzen. Oder stehen, denn bei 220 Tageskilometern schadet es nicht, zwischendurch immer wieder aufzustehen und die Sitzknochen im Wiegetritt zu entlasten.

Zwischendurch quälen uns immer wieder Windböen von der Seite. Über uns tummeln sich plötzlich schwarze Wolken. Stress lassen wir allerdings erst gar nicht aufkeimen. Schließlich können wir nicht mehr tun, als mit ambitionierter Geschwindigkeit Kurs auf Wien zu nehmen. Dem Wettergott dürfte das plausibel erscheinen, denn bis zum Schluss regnet es nicht einen einzigen Tropfen.

Bei Kilometer 150 macht sich ein unangenehmes mentales Tief bemerkbar. "Jetzt sind wir schon so weit gefahren und haben immer noch 70 Kilometer vor uns", sagt das Teufelchen auf der linken Schulter. "Mehr als zwei Drittel sind schon geschafft", antwortet das Engerl gegenüber. Wir ziehen intuitiv den richtigen Schluss aus unseren inneren Diskussionen - und geben Gas. Schließlich haben wir uns bisher brav an unseren geplanten Puls gehalten, was bedeutet, dass wir auf jeden Fall noch Luft nach oben haben. Weil die Trinkvorräte seit der Mittagspause merkbar schneller schwinden als zuvor, entscheiden wir uns, in Tulln nochmal einen kurzen Zwischenstopp einzulegen. Auch das motiviert. Von Pause zu Pause denken. Ein Ratschlag, den wir uns für künftige Touren merken.

Kilometer 185: Dem mentalen Tief davon geradelt

Als wir in Tulln ankommen, macht sich bereits etwas Euphorie breit. Das mentale Tief haben wir ganz einfach durchgeradelt und Wien ist nur noch ungefähr 35 Kilometer entfernt. 35 Kilometer. Das ist gar nicht viel für einen ambitionierten Rennradler, sagen wir uns und beißen zur Mobilisierung unserer Kräfte in einen Schokoriegel. Der Kalorienverbrauch während so einer Tour ist nicht zu unterschätzen. Das Fahrrad-GPS zeigt einen Wert von mehr als 3000 an. Klar, dass da die Gedanken schon bei einem deftigen Abendessen sind.

Aber jetzt werden zuerst einmal die letzten Kilometer abgespult. Wir steigen wieder aufs Fahrrad und spätestens auf den letzten 20 Kilometern wird das Tempo nochmals einige km/h erhöht. Ehrgeiz macht sich bemerkbar. Ein weiterer Rennradfahrer reiht sich in unseren Windschatten ein und wir ziehen ihn Richtung Hauptstadt.

Kilometer 215: Leider wissen wir nicht auf den Kilometer genau, wann die Stadtgrenze Wiens vor uns erscheinen wird. Sind's noch fünf, acht oder doch zehn Kilometer? Dass wir bei der ersten Ortstafel, die wir zu Gesicht bekommen, für ein Erinnerungsfoto stoppen und somit die Tour für erfolgreich beendet erklären werden, haben wir schon vor dem Start vereinbart. Wir passieren Klosterneuburg und es überkommt uns beiden derselbe Gedanke: Bei der Planung der Tour haben wir diese Stadt mit dem Attribut "Dort sind wir dann praktisch schon in Wien" in unseren Köpfen abgespeichert. Umso motivierter nehmen wir die letzten Meter in Angriff.

Nach rund sieben Stunden biegen wir in Tour-de-France-tauglichem Tempo in eine Rechts-Links-Doppel-Kurve zwischen zwei Wiener Vorstadthäusern ein. Als die nächste Gerade vor uns aufzieht, eröffnet sich ein Anblick, der schöner nicht sein könnte: Am Wegesrand leuchtet uns eine blauumrahmte, weiße Tafel mit den vier Buchstaben W-i-e-n entgegen. Mission erfüllt.
 

Vorher-Nachher: Die Fotos 

 
   


Text und Fotos: Bernhard Winkler/Intersport